2006/04/19 - Studentenleben
Aufgrund mehrerer Interessenten möchten wir auch ein wenig beschreiben, wie unser studentischer Alltag an der Hochschule “Cape Peninsula University of Technology” aussieht.
Wir haben “nur” vier Vorlesungen in der Woche. Dienstag beginnen wir 17.20Uhr bis 19.00Uhr mit “Strategic Marketing” bei Herrn Huckle. Danach haben wir “Marketing Finance” bei Herrn Colbert von 19.00Uhr bis 20.10Uhr.
Mittwoch beginnt 17.20Uhr die Vorlesung “Internationales Marketing” bei Herrn Hermanus. 19.00Uhr bis 21.00Uhr haben wir dann noch “Advertising und Promotion” bei Herrn Duffett.
Das mag im ersten Moment nicht viel erscheinen aber wir haben uns ganz schön umgeschaut. Zuerst dachten wir, wir könnten dann also gut das Land erkunden und ausgiebig Kultur und Geographie kennenlernen. Aber am ersten Tag bekamen wir das Semesterprogramm von jedem der Tutoren vorgestellt und uns wurde gleich ganz anders.
Ausser im Fach Marketing Finance müssen wir jede Woche jeweils 1 Kapitel des dem Fach zugehörigen Buches durchlesen. Zudem müssen wir den Inhalt ausarbeiten, so dass wir mindesten darüber diskutieren können.
a) Zu den Kapiteln bei Duffet - Advertising und Promotion - müssen wir zu jeder Woche eine kurze Hausarbeit, ein sogenanntes Practical, von 1-3 Seiten verfassen und einreichen. Diese wird benotet. Zudem stellt eine Gruppe von ca. 4 Personen jede Woche das neue Chapter in einer Präsentation vor. Im Semester ist jeder Student einmal Teil solch einer Gruppe. Ausserdem gibt es pro Semester noch eine größere Hausarbeit (20-25 Seiten) einzureichen und zu präsentieren.
b) Zu den Kapiteln oder Fallstudien bei Huckle - Strategic Marketing - müssen jede Woche zwei Gruppen aus ca. 4 Personen eine Präsentation vorbereiten und sich seinen und der Fragen der Klasse stellen. So ist man ca. alle 3-4 Wochen mit einer Präsentation dabei, die vorzubereiten ist.
c) Zu den Kapiteln bei Hermanus - International Marketing - müssen wir unser Projekt “Stellen Sie sich vor, Sie gründen eine Exportfirma” fortschreiben. In den beiden dafür relevanten Büchern geht es zum Beispiel darum was Export ist, wie man einen Business-Plan schreibt, wie man SWOT-Analyses durchführt, was man im Exportland an Umfeldbedingungen beachten muss (Politik, Recht, Soziales, Kulturelles, Ökonomie, Technologie, Geographie, Infrastrucktur, …), wie man Verträge aufbaut, u.s.w.. Diese theoretischen Kenntnisse schlagen wir dann auf unser imaginäres Exportprodukt um und betreiben jede Menge Nachforschungen, um die Bedingungen im Exportland, dem Importland und die Internationalen Rahmenbedingungen ausfindig zu machen. Alle Recherchen werden schriftlich niedergelegt und in regelmäßigen Abständen präsentiert, was ebenfalls benotet wird.
d) Bei Colbert - Marketing Finance - bekommen wir gelegentlich Übungsaufgaben, die eingesammelt und benotet werden können.
Zu all dem schreiben wir natürlich auch in Jedem Fach normale Tests, für die zu lernen ist.
Also sind wir von Woche zu Woche gut ausgelastet und schaffen es manchmal nicht mal einen Tag frei zu nehmen. Es scheitert in keinem Fall am Niveau, aber die Masse machts.
Die Aufgabe der Professoren ist die, Diskussionen zu leiten, den Stoff zusammenfassen zu lassen, Aufgaben zu verteilen, Ergebnisse zu benoten. Sie vermitteln keinerlei Theorie (ausgenommen Colbert). Sie sind im Prinzip nur der Leitfaden. Sie geben die grobe Orientierungsrichtung vor und bewerten den allgemeinen Vortschritt der Arbeit. Man weiß im Prinzip zunächst nicht wirklich, ob das, was man sich so erarbeitet hat, das ist, was man wissen sollte, wissen muss oder was der Dozent möchte. Das sagt einem dann die Benotung.
Man kann auch nicht einschätzen, wie viel schlauer der Lehrer als man selber ist. Duffett zu Beispiel schreibt an seiner Masterarbeit. Das System hier ist: Diplom nach 3 Jahren, Bachelor nach 4 Jahren und Master nach dem 5. Studienjahr. Er ist zwar älter als wir aber vom Ausbildungsgrad grob auf einer Höhe mit uns.
Wir staunen, wie unsere Kommilitonen all das bewältigen. Die allermeisten arbeiten Vollzeit, was hier eine 40h Woche bedeutet. 1/3 von ihnen haben schon eine kleine Familie daheim. Und sie müssten den selben Aufwand betreiben wie wir. Es gibt Wochen, wo manch einer total übermüdet zu den Vorlesungen erscheint. Vorbereitungen auf Tests entfallen. Diese werden auf gut Glück mitgeschrieben. Hausarbeiten entstehen meist am Arbeitsplatz, da die Studenten oftmals nur dort Zugang zum Internet und damit den entsprechenden Quellen haben. Präsentationen werden von jedem einzeln zu Hause vorbereitet und 2 Stunden vor Abgabe zusammen geschmissen und durch gesprochen, um ein großes Ganzes zu werden.
All das hat den Effekt, dass wir meistens die klassenbesten Ergebnisse erbringen. Bei den Tests heben wir uns nicht sehr ab, da hierbei die Sprachschwierigkeiten und damit die Schwäche, Gedanken zu formulieren, zum tragen kommen. Aber bei Präsentationen, Hausarbeiten und Practicals, setzen wir die Benchmarks. Die Tutoren betonen das oft auch noch so sehr, dass es uns unangenehm ist. Wir hatten anfangs Angst, als Streber abgestempelt zu werden oder von den Mitstudenten als Normbrecher verhasst zu werden, weil wir ihnen stets und ständig vorgeführt werden. Nachdem wir eines Tages angesprochen hatten, dass wir peinlich berührt wären, wir die Studenten sehr für ihre Leistungen bewundern, da sie unter extremen Umständen arbeiten und man das doch in keinster Weise vergleichen könne, lachten sie und die Professoren und sagten uns, dass es kein Problem wäre. Man wisse schon, wie das gemeint wäre, sähe es allgemein als Motivation an und die Studenten hier hätten ein dickes Fell. Und tatsächlich ist es so, dass die Klasse nicht stöhnt, wenn wir wieder mal 80-85% erreicht haben, wo der Klassendurchschnitt 40-60% erreicht hat. Im Gegenteil, man gratuliert uns dafür und fragt uns gelegentlich nach Hinweisen zum Bessermachen.
Das System zu Lernen ist aber nicht allgemein üblich in Südafrika. Unsere Hochschule hat sich seit Kurzem mit anderen Hochschulen in der Kap-Region zusammengeschlossen. Dabei gibt es unter anderem das Problem ein einheitliches Lehrkonzept zu gestalten, entsprechend der gemeinsamen Mission und Vision. Denn die Universität in Kapstadt würde viel mehr nach Büchern unterrichten. Unsere Uni, bisher Technicon, sei deutlich praxisorienterter.
Wir müssen sagen, dass beide Systeme ihre Vor- und Nachteile haben. In Deutschland kann man sicher sein, dass alle Studenten auf ein einheitliches Level gebracht werden, denn das Wissen wird kompakt und konkret vermittelt. Hier kann man davon ausgehen, dass die Studenten mit dem Gelernten auch in der Praxis umgehen können und nicht nur für den Test irgend welche Dinge auswendig lernen, letztendlich aber nicht wissen, wie man etwas und was man damit in der Praxis macht bzw. es überhaupt verstanden haben. Im Deutschen System lernt man auch mehr Stoff in kürzester Zeit, hat letztendlich von Vielem schon mal irgendwo ein Bisschen was gehört. Hier packt man weniger rein, aber viele kleine wirklich wichtige Dinge fallen einem erst bei der praktischen Arbeit mit dem Gegenstand auf, wiederum ein Vorteil des südafrikanischen Arbeitens.
Letztendlich ist es auch eine Typsache, wie man lieber lernt. Für uns ist die Schufterei hier ungewohnt, denn wenn in Deutschland die Vorlesung vorbei war, hat man doch im Allgemeinen davon abgeschaltet, ab und zu eine Übung vorbereitet und dann zu den Prüfungen richtig rangeklotz, um auf den Punkt eine möglichst gute Leistung zu bringen. Jedenfalls gab es da sowas wie “Wochenende” und “Feierabend”.
Hier arbeiten wir kontinuierlich an einem übergeordneten Thema und buddeln uns so nach und nach in die Tiefe, um das Erlernte dann umzuschlagen auf die praktische Anwendung. Das bedeutet aber, die Hauptarbeit leisten WIR, denn nicht der Lehrer liefert den Stoff, sondern man bringt ihn sich selbst bei. Er gibt nur die Grobrichtung vor und versetzt gelegentlich Seitenhiebe, um zurück auf den allgemeinen Trampelpfad zu finden, oder bellt die Bummelletzten an, damit sie möglichst den Anschluss an die Gruppe wieder finden. Die Endergebnisse setzten sich aus mehreren Teilnoten zusammen, so dass das Schicksal des Bestehens oder Nicht-Bestehens nicht nur von einer Prüfung abhängt. So weiß man zum Beispiel auch während des Semesters, wo man ungefähr steht und was man vielleicht besser noch nachholen sollte.
Aber wir stöhnen wirklich sehr. Unsere Vorstellungen von relaxten Strandtagen, endlosen Bergtouren, ständigen Wildparkbesuchen, ausgiebigen Studenten-Partys … sind entgültig zerstört. Dieses Jahr hier bedeutet harte Arbeit. Und wenn wir einen Tag pro Woche frei schaufeln wollen, um einen Ausflug zu unternehmen, müssen wir richtig knüppeln! Manchmal geht die Motivation gegen Null und gelegentlich rollen auch schon mal Tränchen, denn wir hatten einmal schöne Träume von Afrika, Wildness und Freiheit.