2006/08/26 - Bloukrans River Bridge
Bilder zu diesem Bericht findet Ihr unter: http://edwinbeutel.tripod.com/tsitsikamma_bloukrans_bridge_bungee_jump/
Ein unglaubliches Ereignis wurde mir zum Geburtstag geschenkt.
Julius hat für uns zwei Nächte im Tsitsikamma Nationalpark gebucht, dort wo es uns schon bei unserer Rundreise durch Süd-Afrika so gut gefallen hat.
Von diesem Urlaub berichten wir noch einmal auf einer anderen Seite. Heute muss ich euch erst mal mein unglaubliches Erlebnis erzählen.
In der Nähe des Tsitsikamma Nationalpark beim Storm’s River Mouth führt die Bloukrans River Bridge die Autobahn N2 über eine 216 Meter tiefe Schlucht. Diese Brücke wird nun genutzt um eine ungewöhnliche Sportart auszuleben, das Bungee-Springen. Außerdem ist diese Anlage die durch das Guinness Buch der Rekorde offiziell beglaubigte höchste kommerzielle Bungee-Sprunganlage auf der Welt.
Gelegentlich hatte ich natürlich schon mal mit dem Gedanken gespielt einen Bungee-Sprung zu probieren, aber es war nie wirklich relevant, da erstens viel zu teuer und zweitens viel zu wenige Gelegenheiten.
Auf unserem Weg zum Tsitsikamma am Donnerstagabend (24.08.) schauten wir uns die Location mal an. Mein Gott war diese Brücke hoch! Jedenfalls war es schon Abend und keine Sprünge wurden mehr gemacht. So hatte ich noch 2 Tage Bedenkzeit bis zu unserer Rückfahrt am Samstag (26.08.).
In den zwei Tagen habe ich hin und her überlegt. Muss das sei? Muss man dafür Geld ausgeben? Verletzt man sich? Trägt man eventuell bleibende Schäden davon? Kann was passieren? Will ich das überhaupt? Warum will ich das?
Ich beschloss einfach noch mal hin zu fahren und zu fragen ob es Gefahren für den Körper gibt, für Knöchel, Knie und Wirbelsäule.
Aufgeregt fuhren wir Samstagmittag also wieder hin. Wir informierten uns über Risiken. Doch weder Rückenschäden noch Kopfschmerzen waren wahrscheinlich.
Egal, früher oder später hätte ich es eh getan. Und wenn ich es hier tu, dann kann hinterher niemand sagen: „Aber ich bin noch viel höher gesprungen!“. Außerdem kostete es „nur“ 65 Euro. Und jünger werde ich auch nicht. Also los!
Gut dass ich mir vorher nicht noch mal die Brücke angeschaut habe, denn dann hätte mich der Mut sicherlich verlassen. Als die 580 Rand bezahlt waren, das Körpergewicht und meine Sprungnummer auf meiner Hand standen und ich die Sicherheitsgurte um hatte, war ich einigermaßen gefasst.
Es ging auch gleich los. Zwei Männer und ich wurden von einem schicken jungen Mann zur Brücke begleitet. Dann ging es über ein Laufgitter zur Plattform. Das war schlimm! Man lief nur auf Maschendraht. Schaute man auf die Füße sah man unter sich nur noch die Tiefe, die Steine im Flussbett und das rote Flüsschen. Puh, das war heftig. Ich hatte echt Schwierigkeiten damit und schaute besser in die Ferne. Auf der einen Seite der Brücke öffnete sich der Blick zum Meer, auf der anderen zur Schlucht des Bloukrans River und den Bergen. Es war gigantisch!
Auf der Plattform angekommen wurden kurze Instruktionen über den Ablauf gegeben. Die beiden Männer sprangen zuerst und ich zuletzt hinterher, da für mich die Seilstärke gewechselt werden musste. Techno-Musik wurde aufgedreht, was mich unheimlich motivierte und mich beruhigte und nurnoch gespannt machte.
Immer wieder schaute ich, ob ich Julius auf der Besucher-Plattform erkennen konnte aber es war zu weit weg. Julius war so aufgeregt, dass er gleich erst mal ein Stückchen Käsekuchen verdrücken musste, wie er mir später erzählte. Es stellte sich auch noch als das Leckerste heraus, was er bisher gegessen hatte. Welch ein Glück.
Irgendwann war die Reihe an mir. Die Beingamaschen wurden mir angelegt und das Bungee-Seil eingehängt mit den Worten es hielte bis zu 3,5 Tonnen. Ein bisschen aufgeregt war sich schon, aber ich wusste es würde nichts Schlimmes passieren. Ich winkte noch mal hinüber zur Plattform, wo Julius sitzen müsste und wurde dann an die Kante getragen. Dort schaute ich nur auf meine Zehenspitzen, nicht direkt hinunter. Beim Blick in die Ferne hörte ich nur noch unbewusst, wie von 5 hinunter gezählt wurde. Und dann weiß ich nicht, ob ich selber sprang oder nachgeholfen wurde. Bei dem Gedanken, dass ich es selbst war, der sich da hinunter stürzte bekomme ich nasse, eiskalte Hände und mein Herz fängt wieder an zu rasen. Das ist einfach so irreal – entgegen des natürlichen Überlebenstriebes.
Und dann flog ich. Mit ausgebreiteten Armen raste ich der Erde entgegen. In der ersten Sekunde realisierte das Hirn noch nicht, dass der Körper bodenlos war. Doch dann gab es nur noch eine Richtung – hinab. Egal was passiert, man kann es nicht mehr beeinflussen – nur noch den Augenblick genießen – was ich auch tat. Ich flog! Der Wind im Gesicht, um einen herum nichts als Luft, die pure Freiheit, fern von allem, sorgenlos. So ist also fliegen!
Ich schrie vor Freude. Dann bremste das Seil sanft und beendete den ersten Flug. Nun ging es zurück nach oben.
Aber halt, plötzlich zog das Seil nicht mehr. Für Sekunden stand ich haltlos in der Luft. Ich hatte das Bedürfnis mich festzuhalten. Ich hatte das Gefühl ich schwebte frei im Raum und der Körper hatte keine andere Wahl als wieder zu fallen. Nur diesmal war er dabei nicht aktiv beteiligt. Er ist nicht „freiwillig“ gesprungen.
Eigentlich war dieser Moment des Rebound am spannendsten, denn mit diesem Gefühl der Schwerelosigkeit und Haltlosigkeit hatte ich nicht gerechnet. Es war still. Man hörte das Team auf der Plattform nicht. Man hörte sich selbst nicht. Man spürte das Seil nicht mehr halten. Ich befand mich einfach zwischen allem, dem Tal, dem Himmel, dem Meer und den Bergen.
Und dann ging es wieder hinab. Ein Wunder - ich war doch noch gehalten. Das Seil spannte sich, hielt mich und zog mich wieder hoch.
Aber der Zug ließ abermals nach und gab mich frei. Unglaublich dieses Gefühl. Beängstigend aber genial!
Der dritte und vierte Rebound war nicht mehr so groß und ich bekam das Bedürfnis wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren und wieder umgedreht zu werden. Zudem hatte ich das Gefühl mit den Füßen aus den Gamaschen zu rutschen, weil das Blut aus ihnen gewichen war und der Zug auf den Gamaschen nachgelassen hatte, der sie eng zusammen hielt, wenn man gebremst worden war.
Aber nach der Sekunde der Sorge kam die Sekunde der Erkenntnis, dass ich noch im Sicherheitsgeschirr hing. Selbst wenn ich raus rutschen würde, was ja schon sehr unwahrscheinlich war, hielt mich noch ein Karabiner.
Gleich darauf fühlte ich Jemanden, der nach mir fasste. Ich wurde eingehängt, gedreht und kam in eine sitzende Haltung. Das Abenteuer war vorbei. Es ging nach oben, zurück auf die Plattform, zurück auf festen Boden.
Julius erzählte mir später, dass er auch seine Schrecksekunden hatte. Beim ersten Sprung fällt man so tief ins Tal, dass man von der Zuschauerposition aus, den Springer aus den Augen verliert. Es war ein spannender Augenblick, denn er konnte nicht sehen ob ich gebremst worden war oder immer noch weiter flog. Doch dann tauchte ich wieder auf.
Den Schrei hatte man gehört, aber Julius meinte man hätte gehört, dass es ein Freudenschrei/ein Juchzen war.
Ein Mädchen, welches nach mir springen wollte oder sollte fand das nicht so lustig, denn die Männer vor mir hatten nicht geschrieen. Sie bekam wohl etwas Panik.
Außerdem sagten beide, Julius und das Mädchen, dass man selbst aus der Ferne schon gesehen hat, wie viel dünner mein Seil war im Gegensatz zu dem der Männer. Dieser Anblick machte sie auch ziemlich ängstlich.
Das war mein erster Bungee-Sprung und ich bereue nichts! Irgendwann werde ich es wohl noch mal tun – wenn die lebhaften Erinnerungen aus Körper und Geist gewichen sind.
Erst im Nachhinein habe ich mich im Internet über Bungee-Springen informiert. Und ich bin froh, es erst dann getan zu haben. Es gibt zwar wenige Unfälle im Verhältnis zu andern Sportarten aber diese sind natürlich umso gefährlicher.
Verletzungsgefahren bestehen sicherlich: für Wirbelsäule der Peitscheffekt, wenn man nicht gerade fällt, für Augen Überdruck und Gliedmaßen Abschürfungen, wenn beim Rückschnellen das Seil entspannt und gegen den Körper schlägt. Mir ist nichts von all dem passiert. Ich wurde ganz sanft abgebremst und zurückgezogen. Die Druckverhältnisse waren nicht unangenehm. Man spürt die Augen aber mein Körper fühlt sich nach einer Achterbahn fahrt wesentlich unwohler als er das nach dem Sprung tat.
Aber man sagt auch, dass Menschen, die schon einmal Todesangst ausgestanden haben, ein stärkeres Immunsystem haben. Die Konzentration der weißen Blutkörperchen steigt an.
Alles in Allem wäre ich wohl nicht gesprungen, hätte ich von den Risiken gewusst. Aber so war es perfekt.
Es gibt ja auch Unterschiede. Je kürzer das Seil, desto abrupter der Halt, da es zum Nachgeben weniger Länge und damit Ausdehnungskapazität hat. In der nördlichen Hemisphäre sind die Seile mit einem Stoffmantel versehen, der sich natürlich nur bis zu einem bestimmten Level mit ausdehnen kann. In der südlichen Hemisphäre werden vornehmlich unverkleidete Seile benutzt. Man sieht den puren Gummi und jeden einzelnen Gummifaden. Diese Seile sind aber einfacher herzustellen, elastischer und Schäden werden schneller erkannt. (Allgemein wird das Seil aller 350 Sprünge gewechselt, ca. aller 2 Wochen.)
Ich würde also interessierten Erstspringern empfehlen, lange Sprünge zu machen (länger als 5 Sek.) um erstens das Gefühl genießen zu können und zweitens sanfter zu springen. Der Geist kann es eh nicht auseinanderhalten ob man nun aus 100, 150 oder 200 Metern Höhe springt. Schon der 10 Meter Turm im Freibad ist hoch. Und versucht einen Veranstalter zu finden, der uncovered ropes benutzt, denn die sind elastischer und der Flug eleganter.
Letztendlich muss man sich auf das innere Gefühl verlassen. Ich habe mich jederzeit sicher und in guten Händen gefühlt (das Team war toll!). Wenn das nicht passt, sollte man es vielleicht doch besser lassen. Und all den Horrorgeschichten sollte man nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken. Die Wahrscheinlichkeit zu einem Unfall ist minimal gering. Leider werden diese in den Medien besonders gerne breit getreten und aufgekocht.