2006/07/11 - Kimberley
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Tag 19: (10.07.2006)
Wir fuhren schon früh aus Bloemfontain ab. Es ging weiter in Richtung Kimberley. Das Land lag flach und weit, nur in der Ferne waren die typischen Kegelberge zu sehen. Der Himmel war strahlend blau und die Erde feuerrot. Das Graß war trocken und vergilbt. All das gab ein interessantes farbenspiel. Weit und breit wuchs kaum ein Strauch, geschweige denn ein Baum. Und dennoch waren alle Flächen lägst der Straße mit Zäunen eingerahmt. Wir fragten uns wem das Land wohl gehört, was man damit überhaupt effektiv tun kann und ob man es nicht lieber der Natur und den Tieren Südafrikas überlassen sollte.
Alle zig Kilometer konnte man vielleicht ein Haus oder ein Gehöft ausmachen aber dazwischen lagen lange Strecken, manchmal 30, manchmal 50 Kilometer. Einzige Lebewesen hier draußen waren kleine Herden von Schafen und Rindern, doch auch diese fanden sich in weiten Abständen.
Die Einfahrt nach Kimberley war wie die Rückkehr in die Zivilisation. Es gab eine Einkaufsmall und eine Touristeninformation, Tankstellen und Menschen. Nach einem Kaffee bei Mug an Bean fuhren wir die Information an bei der wir Material zur Stadt suchten. Unser erstes Ziel danach war natürlich die Diamantenmiene von De Beers, dem so genannten Big Hole. Dieses machte seinem Namen alle Ehre. Man tritt an einen Krater von dessen Rand man in ein Loch von 174 m Tiefe schaut. Dort unten sieht man dann auf eine kreisrunde blau-grüne Wasserfläche. Diese alte Mine ist heut ein Vogelparadies. Schwalben jagen nach Insekten über dem See und viele andere Vögel jagen, zwitschern, nisten und spielen im Schutz der steil abfallenden Wände. Es ist komisch, dass man hier die Tiere, sonst immer über einem flatternd und krakeelend, aus der Vogelperspektive von der Draufsicht beobachten kann. Und in der Ferne blinken die weißen winzigen Hochhäuser. Darf man „winzig“ und „hoch“ überhaupt in ein und demselben Satz verwenden? Aber es war so.
Wir schauten uns noch die Schachtanlage an und kauften eine Postkarte aber mehr war leider nicht zu sehen. Das Gelände war aufgebaut wie eine alte Stadt zu Kolonialzeiten, mit Marktplatz, Saloon, kleinen Geschäften und Handwerksläden. Doch es war Winter. Und was macht Südafrika im Winter? Es bereitet sich auf den Sommer vor. Sämtliche Touristenattraktionen werden saniert, renoviert, ausgebaut und herausgeputzt für die Touristenströme in der Saison. Somit war alles „under construction“ und nicht begehbar.
Deshalb fuhren wir als nächstes in den Teil der Stadt in welchem die meisten älteren Häuser aus Kolonialzeiten stehen sollten. Dafür gab es einen richtigen Rundweg. Wir stellten also unser Auto am Startpunkt ab uns liefen die angegebene Strecke. Dabei spielten wir unseren eigenen Reiseführer. Einer suchte die passende Hausnummer und der Andere las den kommentierenden, informierenden Abschnitt auf dem Informationsblatt vor. Manchmal versprach es mehr, als man dann sah, manchmal waren wir jedoch wirklich beeindruckt von der Architektur, mit den vielen Schnörkeln und den kleinen grünen Gärtchen.
Der Weg führte auch vorbei an einer Kirche, die sogar geöffnet hatte. Das war natürlich was für mich, die den Geruch von Holzbänken, den Anblick der großen Orgel und die Stille und Kühle in diesen Gemäuern liebt. Für Julius gab es auch etwas zu sehen. Wir kamen an einem Denkmal vorbei, welches an den zweiten Weltkrieg erinnerte. Daneben standen zwei Geschosse, die er mir mit Funktion und Einsatz erläuterte. Dort sprach uns ein etwas älterer Mann an, fragte nach dem Woher und dem Wohin. Nach einer Weile erzählte er von sich, dann von einer Verletzung am Bein, die ihn humpeln machen würde. Als es uns allmählich zu komisch wurde verabschiedeten wir uns freundlich aber bestimmt, denn wir wollten weiter. Das nahm er dann auch so hin, rief uns aber noch hinterher. Er hätte unglücklicherweise nur genügend Geld dabei, um sich ein Essen zu kaufen aber das reiche nicht für etwas zu Trinken. In Sekunden ging uns die Situation auf. Er war ein Bettler, aber mit der Schiene – erst Freunde machen und dann auf den Effekt bauen – frei nach Saint-Exupéry. Freunde kann man ja nicht im Regen stehen lassen. Und so gaben wir ihm 2 Rand, entschuldigten uns, dass wir nicht mehr Kleingeld haben, aber hofften er findet den Rest noch irgendwie, irgendwo.
So wurde aus der freudigen Situation – dem in Kontaktkommen mit einem Einheimischen, einer netten Begegnung, Plausch und viel Lächeln – eine bittere Erinnerung. Man fühlt sich immer ungerecht behandelt wenn man aus der Tatsache heraus Weißer zu sein für reich gehalten wird. Aber das kann man vielleicht unter dem historischen Hintergrund des Landes und der immer noch währenden Zustände nachvollziehen. Doch wenn Jemand mit den natürlichen Verhaltensweisen, den guten Werten und tief sitzenden Normen spielt, fühlt man sich wirklich betrogen. Man wird bestraft wenn man nett und freundlich ist. Man wird bestraft, weil man ein Gewissen hat und wohl erzogen wurde. Man wird bestraft, weil man Mitgefühl besitzt und menschlich ist. Man lernt auch verstehen, warum die Weißen hier sich so verhalten wie sie es tun. Denn Gutmütigkeit und Zugänglichkeit wird ausgenutzt.
Da es nun Nachmittag war suchten wir unsere Herberge auf. Diese erwies sich als Goldstück. In einer ruhigen Gegend bekamen wir ein Zimmer im ersten Stock. Dieses Zimmer war liebevoll eingerichtet und hatte neben einem großen weichen Bett auch noch eine Heizung, Fernseher und Bücher. Dem Zimmer war ein kleiner Flur vorgelagert, von dem es in unser eigenes kleines Bad ging, welches ebenfalls alles hatte, was das Herz begehrte – schöne kratzige Handtücher (von der Sorte die so gut rubbeln und trocken machen), kleine Stücken Seife und sogar eine Auswahl an Magazinen für die längere Sitzung. Im Flur standen auf einem kleinen Tisch Tassen und Gläser, Döschen mit diversen Teesorten und Instantkaffee, ein Wasserkocher und eine Karaffe Wasser. Wir konnten uns also jederzeit mit heißem Wasser und co. versorgen. Nach dem „frischen“ Erlebnis in Bloemfontain war all diese Ausstattung das absolute Paradies. Wir freuten uns wie kleine Kinder.
Noch stand die Sonne hoch und wir hatten Zeit für die zweite Tour in der Stadtmitte. Wir liefen vorbei an wenigen verbliebenen alten Lagerhäusern, an weiteren Kirchen, auch durch ein muslimisches Wohngebiet mit kleiner Moschee, daneben einem christlichen Friedhof, und sahen den Markplatz, das Rathaus und den Bahnhof. Leider wurden wir am Markt wieder angebettelt, diesmal von Kindern. Wie ich diese Situation verabscheue. Ich kann damit nicht umgehen. Ich weiß, dass es uns gut geht und dass wir geben könnten. Aber wenn das Prinzip Erfolg hat, gehen diese Menschen niemals arbeiten. Sie bräuchten nicht, denn sie würden ja auch ohne genug Geld „verdienen“ und mehr als vielleicht ein rechtschaffener Arbeiter. Überall wird auf die Folgen hingewiesen, wenn man Bettlern gibt. Man macht aus Not Bequemlichkeit und anstatt die betreffenden Leute zu motivieren, sich aus der Misere herauszuarbeiten, liefert man ihnen Grund dies nicht zu tun, sondern sich ihrer Situation hinzugeben. Aber es fällt so unheimlich schwer abzulehnen und den Rücken zuzuwenden. Und es fällt umso schwerer, wenn man für dieses Ablehnen beschimpft wird. Man will nicht arrogant erscheinen. Man will helfen. Aber man will auch nicht Mitschuld an dem Schicksal der Menschen haben.
Der Abend klang versöhnlich aus. Wir aßen beim Chinesen. Zurück in der Unterkunft schnappte sich Julius seine Urlaubslektüre, die bisher den Koffer mehr von innen gesehen hatte (was ja auch gut so ist, denn dann haben wir mehr von Afrika gesehen) und ich nahm mir eines der Bücher im Schrank. Bei heißem Tee und unter einer warmen Decke lasen wir bis mein Buch zu Ende war. Danach ließen wir uns ein heißes Bad ein und ich planschte vergnügt darin herum bis …
… zum Stromausfall. Uhhh, das war gruselig. Ich saß völlig nackig in der Pfütze. Meine Brille - ich weiß nicht wo. Mein Julius - ich weiß nicht wo. In der Straße hatten wir zuvor grölende junge Männer gehört. Es war stockdunkel. Im Haus bewegte sich nichts. Mir war da wirklich ganz anders. Julius musste es richten. Mit Feuerzeug in der Hand fand er den Sicherungskasten im Hausflur. Währenddessen hatte ich das Handtuch und den Weg ins Zimmer ertastet und krabbelte ins Bett. Dort verharrte ich mit der Decke bis unter der Nase gezogen, bis …
… das Licht wieder anging und Julius zurück war.
Danach schliefen wir wunderbar und wachten glücklich und munter am nächsten Morgen auf.
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