2006/06/18 - Guguleto
Hier findet ihr Fotos zu diesem Bericht: http://edwinbeutel.tripod.com/guguleto/
Dieses Wochenende war vollgestopft mit Terminen. Nach den Nachhilfestunden in Marketing Finance, dem Problemfach, wo der Dozent so grottenschlecht ist, und nach bestandener Abschlussprüfung wollten uns plötzlich alle Kommilitonen zu sich einladen und sich bei uns mit einem Brai zu bedanken.
Samstag waren wir also bei Howard – einem Coloured - eingeladen, zu dem noch Glynn, seine Frau und Joanita kamen. Der Grill wurde angeworfen aber nicht draußen im Garten sondern im Haus. Es gibt extra ein Brai-Zimmer, das ist so etwas wie ein Kaminzimmer, aber nur überdacht (in dem Fall mit Wellblech) und mit gläserner Außenwand wie eine Orangerie, ein Wintergarten.
Nach und nach trudelten nach uns noch die anderen Gäste ein und wir quasselten und quasselten, bis irgendwann das Holz so weit herunter gebrannt war, dass man das Fleisch auflegen konnte. Es gab Boerrewurst, Spearrips und chicken wings. Nachdem wir uns 3 Stunden über Studium, Job, Familie, Kulturen, Hautfarben, Geschichte … unterhalten haben, war der Schmaus eröffnet und wir futterten ordentlich drauf los. Das Hühnchen war lecker und erst die Schweinerippchen! Nur die Würstchen waren gewöhnungsbedürftig.
Wir hatten noch Salat gemacht, aber der endete als Beilage, denn alles labte sich am Fleisch.
Die Männer tranken Bier und Brandy, ich bekam einen leckeren Rosé und Steffi vergnügte sich am Tropical Fruit Saft, denn sie fuhr heut.
Wir lernten, dass es für die Coloured-Bevölkerung wirklich schwierig ist derzeit in der Gesellschaft, denn sie kämpften zwar an der Seite der Schwarzen gegen die Apartheid doch würden heut zu Tage weniger bevorzugt behandelt, was Quoten und Rechte im öffentlichen Leben angeht, denn sie hätte es ja unter der Apartheid weniger hart getroffen. Jetzt wären erste einmal die Schwarzen an der Reihe, der Widergutmachung wegen. Dabei geht es hauptsächlich um Arbeit, Posten in öffentlichen Ämtern, bei Banken, in Regierungen, usw. Das heißt für die Schwarzen sind sie zu weiß, jedoch sind sie den weißen zu schwarz.
Howard hat lange Zeit bei einer Bank gearbeitet und durfte nach 1994 auch im Kundendienst arbeiten, doch die weißen Anleger rümpften die Nase wenn er zu Terminen erschien, machten keine Abschlüsse mit ihm und baten die Bank für kommende Geschäfte doch wieder die „gewohnten“ Berater zu schicken.
Man kann als Coloured auch nicht einfach so in ein Township gehen. Es wäre für sie dort genauso gefährlich wie für Weiße.
Und zudem sind die Coloured untereinander gelegentlich auch missgünstig. Man sieht es wohl nicht gern, wenn einer unter ihnen aufsteigt und beginnt sich abzuheben. Der Vater von Glynn’s Frau hatte vor wenigen Jahren einen schweren Unfall. Zuvor war er eiserner Sparer, aber als er sich erholt hatte, beschloss er sich ein schönes Auto zu kaufen – denn man lebt ja nur einmal. Wenige Tage später war der Lack zerkratzt worden, als der Wagen kurze Zeit in der Einfahrt stand, zwischen Frühstück und Fahrt zur Arbeit.
Religion ist wichtig. Man geht sonntags zur Kirche. Man steht früh auf. Man kleidet sich fein in den berühmten „Sonntagskleidern“. Man trifft die Familie. Und man isst zusammen.
…
So lernten wir Samstag (17.06.) etwas über die Kultur und Geschichte der Coloured Bevölkerung und waren nervös wegen Sonntag (18.06.). Denn Sonntag waren wir zu den Schwarzen Kommilitonen in ihr Township “Guguleto” eingeladen.
…
Wir waren gespannt, was uns erwartet, von unsicher bis ängstlich mischten sich unsere Gefühle.
Für Süd-Afrikaner äußerst pünktlich kamen Pumlamy und Thendo auf dem Campus, um uns abzuholen. Sie waren mit lauter Musik in einem schneeweißen dicken VW vorgefahren. Selbst trugen sie gute Markenshirts und coole Sonnenbrillen. Das war vielleicht ein Bild!
Nach freudiger aber noch verhaltener Begrüßung brachen wir auf Richtung Guguleto, ihrem Township.
Zunächst standen rechts und links noch normale Häuschen doch dann ging es über eine Eisenbahnbrücke und dahinter stapelten sich dicht an dicht die kleinen schiefen Boxen zusammengeflickt aus Pappe, Holz, Metallstreben und Wellblechstücken, von 3*3 Metern. Meistens war darin nichts, manchmal ein Tisch in der Mitte und darum saßen einige Männer. Aber es kann auch nichts darin sein, denn unter diesem Dach müssen nachts ganze Familien schlafen und das sind grob 4-8Personen. Es war unglaublich. Abwasser wurde aus Eimern in die Straßenrinne gekippt wie im Mittelalter. Wäsche hing im Smog der Straße zum trocknen in der Sonne. Doch es war lebendig.
Das Leben fand auf der Straße statt. Kinder jagten sich lachend und kreischend am Straßenrand entlang. Hunde lagen verschlafen in der Mittagssonne in der Türschwelle. Männer standen in Gruppen mit Bier in der Hand, wild gestikulierend, manchmal lachend, manchmal fluchend in einer Unterhaltung. Frauen flochten Haare in Containern oder auf zwei Stühlen sitzend am Straßenrand. Kräftige Mamas trugen Einkaufstüten mit Obst und Fleisch nach Hause. Überall wurde freudig gegrüßt und alle paar Meter stoppte unser kleiner Konvoi um Nachbarn zu begrüßen.
Dort wo die laute Musik aus dem Auto unserer beiden Führer die Ohren der Menschen nur im Entferntesten erreichte, fingen sich die Hüften zu bewegen an.
Wir besichtigten als erstes das Haus von Mzwandili, einem anderen Studenten, das letzte Woche angezündet wurde. Natürlich wusste niemand von wem und warum. Das war schon nicht mehr gan so ärmlich, hatte 5 kleine Zimmer und einen kleinen Hinterhof für Hund und Wäsche.
Für uns ging es weiter durch die Straßen, die hier “NY …” hießen, was für “Native Yard” steht und bedeutet, dass es das Wohngebiet der ursprünglichen Bevölkerung, der Schwarzen, bezeichnet.
Ein zweites Auto wurde von Pumlamy aus einer Einfahrt ausgeparkt und nun fuhren wir gesichert von vorn durch Thendo und von hinten durch Pumlamy durch die Straßen des Townships. Manche Nachbarn jubelten uns zu und grüßten uns überschwänglich. Manche sprangen zum Auto, vor allem Alte und Kinder, und bettelten um ein paar Rand. Doch wir hatten nichts weiter dabei aus Vorahnung und zur Sicherheit.
Wir hielten an einem Platz, einer Straßenkreuzung. Dort gab es einen Fleischer, einen Telefoncontainer und einen Frisörcontainer. Mantla parkte uns vorne ein und Pumlamy von hinten. So wurde unser Auto gesichert. Ein Kollege blieb beim Auto stehen. Ein weiterer Freund, Deiy, wurde uns vorgestellt, der uns in ein Restaurant begleitete, während die anderen Bier und Grillfleisch organisierten, denn der Fleischer bot auch gleichzeitig sein Fleisch auf einem Brai an.
Es war komisch in diese Art Halle hinein zu gehen. Es war dunkel darin, so dass sich die Augen erst langsam an die Lichtverhältnisse gewöhnten. Die Menschen an den Tischen waren alle Schwarz und schauten uns verwundert an. Wir überlegten schon, wie viele von denen wohl Waffen bei sich trugen, denn am Vorabend hatte die Coloured uns erzählt, dass beinahe jeder eine Waffe bei sich trägt, selbst kleine Kinder. Sie waren ganz ungläubig darüber, dass es in Deutschland verboten sei, Schusswaffen zu tragen oder gar ein Messer, wie Butterflys, bei sich zu haben.
Aber wir fühlten uns nicht unsicher. Wir wurden zu keiner Zeit aus den Augen gelassen. Immer war einer von unseren Jungs oder Freude, oder Freunde von Freunden um uns herum und das bedeutete „Familie“.
Wir bekamen superleckeres Hühnchen und Schaf zu essen, frisch vom Grill, würzig und saftig. Alles wurde von den umstehenden 10-12 Leuten von einem Teller mit puren Fingern gegessen. Sie versuchten uns mit der Art zu Essen aufzuziehen doch wir konnten erzählen, dass Hühnchen und Grillfleisch auch in Deutschland mit der Hand gegessen wird und wir absolut daran gewöhnt waren.
Es stießen noch Qaqamba, Sipho und Mantla zu uns und der Trott zog weiter. Wir hielten noch einmal vor Thendo’s Haus, wo wir dessen Vater kennenlernten. Das war ein lustiger Kautz. Er begrüßte uns mit einigen deutschen Worten. Er musste mal für eine deutsche Familie gearbeitet haben. Und er nahm Steffis und meine Hand und ließ sie beinahe die ganze Zeit kaum wieder los. Er drückte uns fest zur Begrüßung und zum Abschied. Das war ein lieber Mensch.
Weiter ging es zu einem Platz im Township, wo Hunderte von Autos standen. Manche wurden gewaschen. Andere standen mit offener Kofferraumklappe als mobile Musikbox herum. Und was für Autos dort herum fuhren und standen!! Von zusammengeklebten Pappkisten bis zum neuesten und dicksten BMW war alles vertreten. Eigentlich war unser kleiner Groenie eine Lachnummer. Der Durchschnitt der anderen Wagen war neuer, teurer, dicker als unser treues Gefährt. Hier wurden wir wieder schön sicher eingeparkt von den anderen Autos und ich glaube auch hier wurde ein „Aufpasser“ mit wenigen Rand für die Überwachung bezahlt. Das waren aber Dinge, die man kaum mitbekam, weil sie unter der Hand hinter unserem Rücken für uns arrangiert wurden.
Die Jungs hatten unterwegs Kühlboxen mit Eis und einiges an Bier, Cidre und Smirnoff Spin organisiert. Das alles trugen wir eine Straßenecke weiter, woher Musik schallte und die Straße voller Menschen war. An dieser Kreuzung, wo eigentlich keine Autos mehr durch kamen war der sonntägliche Treffpunkt der Township Bewohner. Schon Mittag traf man sich hier um zu sehen, gesehen zu werden, zu tanzen, zu trinken, zu flirten und was man bei uns eben so in der Disko macht.
Bisher war das alles wie in einem Film für uns. Erst nach einigen Minuten kamen wir bei Bier und Spin langsam runter, konnten entspannen, beobachten und wirken lassen. Zunächst schaute man nach uns aber als klar war, dass wir Begleitung hatten - und was für welche - ging das normale Treiben weiter.
Wie wir so nach und nach erfuhren waren unsere Jungs nicht irgendwelche Jungs, sondern der eine war Sohn des Vize-Präsidenten der Hochschule, der andere Sohn eines Politikers, der nächste Sohn des Präsidenten der Firma Soundso. Jetzt wurde uns bewusst, wie wenige Schwarze es geben musste, die sich ein Studium überhaupt leisten können. Wir wussten bisher, dass die Studiengebühren das Durchschnittseinkommen von 14.000 Rand deutlich übersteigen, geschweige denn das Gehalt eines Township-Bewohners. Neben der CPUT und der UWC in Bellville scheint es auch nicht mehr so viele Schwarze Universitäten zu geben. Die in Cape Town ist gemischt aber vorwiegend weiß. Und die in Stellenbosch ist vornehmlich weiß und Unterrichtssprache ist Afrikaans.
Sicherlich fragt ihr euch dann, warum diese Leute, deren Familien es weit gebracht haben noch immer in dieser Umgebung wohnen. Das ist recht kurz erklärt. Hier sind sie sicher. Hier wohnen ihre Freunde und ihre Familien, von denen sie unterstützt werden. Hier bekommen sie die Rückenstärkung. Hier tobt das Leben.
Es ist einfach die Gemeinschaft. Man hält zusammen. Man unterstützt die Nachbarschaft, wenn man es selbst weit gebracht hat. Man lebt beschützt. Man feiert. Man ist Vorbild für die junge Generation.
Nun musste der ein oder andere ja auch mal auf die Toilette, sein Bier weg bringen. Das ist eine Geschichte für sich. Denn zunächst wurde derjenige welche, in dem Fall Falko, natürlich begleitet von einem „unserer Leute“. Da die Toiletten des Straßenclubs übervoll und unhygienisch waren, hat man eine Alternative gesucht. Und zwar gab es rund herum normale Wohnhäuser. Und da war es dann eben so, dass man dem Hausherren zwei Rand in die Hand gedrückt hat und dann dessen private Toilette benutzen durfte.
Zigaretten wurden einzeln gekauft. Wer keine hatte ging zu einem Container in dem Getränke verkauft wurden und fragte nach Zigaretten. Wenn er Glück hatte bekam er dort für 6 Rand einen der raren Glimmstängel.
“Marlboro” machte hier Promotion aber auf eine ungewöhnliche Art und Weise. Schicke Mädels liefen in eng anliegenden weißen Hosen und Oberteilen an, darunter nur ein Hauch an Unterwäsche, herum und verkauften aus ihren Handtaschen Slim-Packs (10er Packs) von Marlboro Marken. Die taten mir fast ein bisschen Leid. Die Blicke der Männer klebten an ihren Körpern. Sicherlich konnte manch einer seine Hand nicht bei sich behalten. Dann trugen sie das Risiko entweder der Zigaretten im Gepäck als begehrte Wahre oder das eingenommene Geld der Verkäufe mit sich herum. Doch sie bewegten sich immer in 4er Gruppen mit wenigen Metern Abstand zueinander durch die Massen und waren, so weit wir einsehen konnten, keiner Gefahr ausgesetzt.
Noch war es Nachmittag. Die Sonne schien. Die Boxen versorgten die Menschen mit Rhythmus und die Männer und Frauen bewegten alles was sie hatten. Das war wirklich eine betörende Stimmung. Blicke tauschten sich aus. Körper rieben sich aneinander.
Thendo sagte uns später, dass wir nun das unorganisierte Chaos verlassen und ins organisierte Chaos über gingen. Wir fuhren zu einem anderen Haus wo nach und nach all die Gesichter eintrafen, die wir zuvor auf dem Platz getroffen hatten. Das dicke Auto wurde in die Garage gefahren, die Musik laut gedreht und dann ging die Party weiter. Alle unterhielten sich, tanzten, tranken und lachten.
Ich war selbst über mein Durchhaltevermögen erstaunt. Den Abend davor die Einladung bei Howard wo wir erst nach Mitternacht zu Haus waren. Dann am Sonntagmorgen die Geburtstagsüberraschung für unseren holländischen Mitbewohner Koen, wo wir früh aufgestanden waren, um ihm zu schenken, einen Geparden zu streicheln. Das war möglich im Auffangzentrum für Geparden in Spier bei Stellenbosch. Dann Mittag die Aufregung, all das Neue, der frühe Alkoholkonsum, das fehlende Abendbrot, der späte Alkoholkonsum.
Wir hatten jedenfalls verdammt viel Spaß und waren völlig überwältigt von der Art zu feiern, zu tanzen, zu leben, zu genießen. Wir haben zwar auch Fotos aber die sagen leider nichts von dem aus, was dort an Lebensgefühl rüber kam.
Nun sind wir schon 5 Monate in Afrika und haben zum ersten Mal Afrika gesehen, erlebt und gespürt. Es war unglaublich schön und wir werden das sicher wiederholbar machen. Dann laden wir die anderen ein und feiern mit ihnen in Guguleto das Leben. Dann tauchen wir auch sicher nicht mehr mit den ältesten Jeans und den lumpigsten T-Shirts auf (wie lächerlich), sondern sind, wie wir sind. Dann bringen wir ihnen Salza und Mabo bei, die sie so toll finden wegen des Hüftschwungs - so wie sie uns den traditionellen Tanz der Ureinwohner, der ihre Rinder darstellt.
Es ist an der Stelle niemandem empfohlen dieses Abenteuer auf eigene Faust zu versuchen. Selbst wenn wir sicher waren und nichts als Spaß hatten, hat man uns gesagt, dass wir allein nicht wieder lebend aus einem Township heraus kämen. Wenn wir kommen wollen, dann sollen wir anrufen. Einer von ihnen oder ein gesandter Freund würde bei uns sein. Oder wir sollen uns an Thendo’s Vater wenden, der uns so lieb empfangen hat.
Aber das werden wir nie ausprobieren. Man sollte seine Grenzen kennen und die sind spätestens hier, wenn nicht schon in Coloured-Siedlungen oder bei der Benutzung von Minitaxen oder dem Zug.
Der nächste Morgen (heute) war hart. Wir sind aus einem Traum erwacht, müde, beduselt, mit Kopfschmerzen und in unserem „Gefängnis“, dem Studentenwohnheim. Nun mussten wir natürlich noch die Fallstudie lesen, analysieren und kommentieren, um für die Klausur um 17Uhr vorbereitet zu sein.
Heut Abend gab uns etwas Lebensenergie zurück. Die Klassengemeinschaft war eine andere. Alle Grüßten. Alle kamen auf ein Schwätzchen. Alle bedankten sich für die guten Noten, die veröffentlicht wurden. Hoffentlich lassen die Ferien diese Integration nicht wieder erkalten und wir machen in 3 Wochen dort weiter, wo wir gestern/heute aufgehört haben … mitten im Leben … mitten in Afrika!