2006/06/08 - Lion’s Head
Bilder findet ihr unter: http://edwinbeutel.tripod.com/lions_head/
Da wir im Prüfungsstress sind, haben wir uns letzte Woche einen halben Tag frei gegönnt und haben den Lion’s Head, den kleinen Nachbarn vom Tafelberg bestiegen. In aller Frühe fuhren wir an dessen Fuß um von dort aus den Rundweg schneckenhausartig bis zur Spitze zu klettern.
Schon neun Uhr früh war es ziemlich warm. Am Himmel stand kein Wölkchen und die Sonne war gar nicht so kraftlos. Es roch nach Sommer und versprach ein wundervoller Tag zu werden.
Jedoch lag über der Stadt und unter uns schon der Smog als dichte gelbliche Wolke, denn es war leider auch recht wenig Wind über dem Kap.
Zunächst noch auf der Schattenseite des Berges genossen wir die kühle Luft, die nach Holz und Erde roch. Wir beobachteten kleine bunte Vögel beim Zwitschern, Futtern, Putzen und Spielen. Wir zupften an Pflanzen herum, um herauszufinden, wie sie riechen. Und wir kraxelten in Höhlen, um zu schauen, was sich darin verbirgt.
Dabei haben wir etwas oberhalb des Weges eine Ausspülung gefunden. Vor Ewigkeiten in der Erdgeschichte muss dieser Teil des Berges gerade hier mal aus dem Wasser geguckt haben. Und das muss so lange gewesen sein, dass das Meer das Gestein abschleifen hat können. Jedenfalls war alles ganz sauber, glatt und rund ausgespült und bildete interessante Formationen und ein Dach im Berg.
Später auf der Sonnenseite des Lion’s Head wurde es uns ganz schön heiß. Die Sonne wärmte die Felsen und die Wärme von Sonne und Felsen zog nicht ab, da ja kaum ein Windhauch wehte. Und es ging nun immer steiler aufwärts. Die Baumgrenze hatten wir verlassen. Nur noch wenig Gestrüpp und sonst noch Gräser wuchsen hier. Hier sonnten sich die kleinen schwarzen Echsen und flatterten einige Schmetterlinge von Blütchen zu Blütchen, die vereinzelt aus dem nackten Felsen wuchsen.
Kurz vor dem Ziel wurde es noch mal lustig. Gelegentlich verhalf nur noch eine Stahlleiter über einzelne Wände nach oben. Und zu guter Letzt führten Ketten senkrecht am Felsen zum Ziel. Bei folgender Schilderung bitte keine Angst bekommen, die Höhen waren gering (3-5m) und die Situation war alle Zeit unter Kontrolle. Es hätte jeder Zeit eine Alternativstrecke ohne Klettern gegeben.
Für mich bedeutete die Kettenpassage puren Spaß, denn ich liebe klettern. Das hieß nun also, Wand anschauen, Weg ausmachen, Gliedmaßen koordinieren und hoch. Julius sah das etwas anders. Von Höhe ist er leider kein Fan und dann noch frei schwingend am Felsen hoch kraxeln ohne Sicherungsseil und völlig allein mit sich … das war zu viel des Guten.
Erst einmal auf halber Strecke angekommen (80cm über dem Boden), fand er den nächsten Tritt nicht mehr. Ich stieg zurück, nahm ihm seinen Rucksack ab und zeigte von oben, welche Punkte im Fels er nehmen kann und mit welchem Fuß. Aber es war zu spät. Mein Schatzi hatte Panik und die Beine waren wie Butter. Also bot ich ihm an, ihn hoch zu ziehen. Die Wand war vielleicht 3m hoch, davon waren 80cm geschafft, plus Julius Länge von fast 2m, also war er nur eine Armlänge vom Ziel entfernt. Ich suchte also Halt und bot Julius eine Hand an. Mit der anderen hielt ich mich selbst fest. Ich bat Julius aber mit beiden Füßen und einer Hand an der Kette zu bleiben – falls ich ihn nicht halten kann. Mein Julius griff dankbar nach der Hand und hing sich voller Zuversicht hinein. Damit hatte ich gerechnet aber nicht mit dem Gewicht. Jedenfalls hielt ich meinen Liebsten fest und half ihn zum nächsten Trittpunkt, der ihn sicher nach oben brachte, während sich mein Bein in eine Felsbeuge drückte und mich und meine Fracht hielt.
Das war nicht gefährlich aber die Probe aufs Exempel. Nun wusste ich, dass ich meinen Schatz halten kann und woran er und ich zur Not denken müssen, nämlich, dass ich mir noch besseren Halt suche und dass er erst testet, wie sicher ich ihn halten kann, bevor er sein Gewicht rein hängt.
Oben angekommen begegnete uns ein rüstiger Wanderer. Der sprach uns an und stellte nach wenigen Silben fest, wir sind nicht von hier. Nachdem klargestellt war, wir wären Deutsche, redete er auf Deutsch weiter. Der gute Mann muss um die 70 gewesen sein, denn seit 55 Jahren lebte er bereits in Südafrika. In Ostdeutschland war nach dem Krieg kein gutes Leben. Die Westdeutschen hätten doch alles genommen. Lustig. Der Mann wusste nicht woher aus Deutschland wir stammten und redete in der ersten Minute über das heikelste innerdeutsche Thema, Ost und West. Jedenfalls machten wir beizeiten klar, von welcher „Seite“ wir stammen und dann plauderten wir gemeinsam munter über Plötzkau, Bernburg und Halle weiter. Ende vom Lied war, wir kannten seine Lebensgeschichte und wenn wir mal Lust auf einen Plausch und ein Käffchen hätten, wären wir gern dazu eingeladen.
Es ist wirklich unglaublich, wo man nicht überall Deutsche trifft! Aber wenn dann auf dem Berg, denn es scheint zu stimmen – Die Deutschen sind ein Wandervölkchen!
Bei toller Aussicht über Berge, Stadt und Meer saßen wir letztendlich oben auf dem Lion’s Head. Hinter uns raschelte eine Maus im Gestrüpp, und raschelte, und kam näher, und immer näher und … schwupp, saß plötzlich hinter unser beider Rücken … und schwupp, schlüpfte zwischen unseren Beinen hindurch … und schwupp, war wieder weg. Das war ein lustiges Ding. Dieses kleine mutige Geschöpf suchte in unserer allernächsten Umgebung nach abgefallenem Essbarem, vielleicht Brotkrumen oder ein Stückchen Wurst? Doch ihre Erfahrung passte nicht auf uns als Gipfelstürmer. Wir hatten nur Wasser dabei, keinen Keks und keine Stulle. Aber eine extrovertierte kleine Streifenmaus steht auch Model fürs Foto ohne Gage.
Den Abstieg hatten wir schnell geschafft, da ohne Hindernisparcours und mit knurrendem Magen.