2006/05/25 - Robben Island
Bilder findet Ihr unter: http://edwinbeutel.tripod.com/robben_island/
Jetzt starten wir noch mal durch zum Endspurt. In den kommenden Wochen gibt es noch mal viel zu tun. Kommende Woche haben wir wieder eine Präsentation bei Strategisches Management, ein Thema zur Diskussion bei Internationales Marketing, eine Hausaufgabe einzureichen bei Marketing Finanzierung und ein Kapitel vorzubereiten bei Advertising and Promotion. Soweit der Plan. Die Wochen danach sehen genauso aus und wir nähern uns auch der Prüfungsperiode in Deutschland, wofür wir uns noch einiges an Stoff aneignen müssen. Ich bin ja mal gespannt, ob es möglich ist, eine Prüfung gut zu absolvieren, zu der man keine Vorlesung gehört hat (Personal und Logistik).
Gestern war normal ein sonniger wärmerer Donnerstag angesagt gewesen. Den haben wir natürlich genutzt und die Nase an die frische Luft gehalten. 7.30Uhr starteten wir zur Waterfront, um dort die erste Fähre um 9.00Uhr nach Robben Island zu erwischen. Wir hatten gelesen, dass diese billiger sein sollte. Normalerweise kostet die Tour 150 Rand pro Person, also ca.19€. Das ist schon nicht wenig. Zunächst quälten wir uns durch den allmorgendlichen Berufsstau und benötigten für die Strecke auf der N1 nach Cape Town eine Stunde. Unter normalen Umständen wäre diese in 30min. zu schaffen gewesen. Aber das hatten wir ja eingeplant.
Die Anzeigetafel am Fährableger verriet uns dann, dass unsere Tour gerade noch 60Rand kosten sollte, also weniger als die Hälfte des Originalpreises, ungefähr 8€. Das war doch mal was! Erst mal mussten wir noch durch die Sicherheitskontrolle. Diese ist in Kapstadt echt verbreitet. Es gibt sie nicht nur am Flughafen. Jedes Casino, alle Banken, manche Einkaufszentren und Kinos und eben auch der Fährhafen scannen ihre Kunden.
Noch war es recht frisch draußen aber die Sonne schien schon schön warm. Die Überfahrt nach Robben Island dauerte ca.45 Minuten. Wir genossen dabei den Ausblick auf den Tafelberg, den Hafen, das Meer. Man konnte auch wunderbar Leute beobachten. Und wir verputzten unser 2. Frühstück - Brötchen mit Butter uns Salz.
Auf der Insel angekommen, wurden alle Bootspassagiere auf Busse verteilt. Zwei große Busse haben nicht ausgereicht, deshalb kamen Julius und ich in einen kleinen Bus mit einer bunten Mischung Touristen aus England, Amerika, Japan, … . Die Busse fuhren eine Tour um die Insel, vorbei an einem Friedhof für die Leprakranken Patienten, die hier in einem extra für sie angelegten Krankenhaus aufgehalten hatten. Danach ging es durch das kleine Dorf, mit seiner schneeweißen Kirche, dem kleinen Postamt und der Dorfschule. Außerhalb des Dorfes, in Küstennähe, sahen wir noch Rehe, Springböcke, Bonteböcke, Hasen und viele Vögel. Es ging vorbei an einem Schiffswrack, zum Leuchtturm und gehalten wurde am Steinbruch.
In dem Steinbruch mussten, so wurde uns erzählt, die Gefangenen bei jedem Wetter mit Sandalen und T-Shirt, einfachem Werkzeug und 6Tage die Woche Steine schlagen - auch Nelson Mandela. Das Gestein war so hell und staubig, dass die Arbeiter alle Schäden an den Augen davon getragen haben.
Es wurden viele bewegende Geschichten erzählt von denen ich hier nicht alle wiedergeben kann und möchte. Manchmal waren sie so grausam, dass ich finde, man sollte sie so nicht einfach erzählen. Oder sie waren einfach so unrealistisch für unser Empfinden, dass wir glaubten, die Hälft davon wären Ausschmückungen gewesen.
Endziel war das Gefängnis in denen die politischen Feinde des Apartheidsystems untergebracht waren. Zunächst noch in Gemeinschaftszellen zu 110 Mann zusammen mit kriminellen Gefangenen, damit diese sie schikanieren sollten. Doch nach und nach erlangten diese die Erkenntnis, dass sie von den Wärtern zu diesem Zweck gegen ihre Landsleute aufgehetzt wurden und gewannen Sympathie für die politisch Inhaftierten. Um das zu unterbinden, wurden die Gruppen dann doch wieder getrennt.
Eine weitere Geschichte rankte sich um die Essensrationen. Die mageren Mahlzeiten waren nach Hautfarbe bemessen. So erhielten Schwarze nur knapp 2/3 der Ration, wie Colored oder Asian Gefangene. Genauso die Kleidungsordnung. Schwarze bekamen Sandalen, eine kurze Hose und ein dünnes Hemd. Colored und Asian people erhielten festes Schuhwerk, Socken, Hosen, Hemd und Pullover oder Jacke im Winter.
Dann wurde berichtet von den Schlafgepflogenheiten. Zunächst bekamen die Gefangenen nur eine Sisalmatte mit einem Flies darüber und einer dünnen Decke. Dann schlief man in einer Richtung, damit man sich nicht anatmete. Aufgrund der Verhältnisse waren die Gefangenen oft krank oder dauerhaft krank und es sollte vermieden werden, dass unter der Gruppe einer den anderen ansteckte. Nach einiger Liegezeit, wenn man die Position wechseln wollte, gab es einen kräftigen Seitenhieb mit dem Ellebogen. Dieser war das Kommando zu Wenden. Und alle drehten sich gemeinschaftlich auf die andere Seite. Erst als das Rote Kreuz in den 80iger Jahren Einsicht in die Zustände der Gefangenschaft bekam, wurden ausreichend Medikamente bereitgestellt, wurden die chronischen Krankheiten der Insassen behandelt, wurden einfachste Betten bereitgestellt und angemessene einheitliche Kleidung verteilt.
Es gab unter den Gefangenen ein Motto: „Each one – Teach one“. Dieses bedeutet, dass jeder, der besondere Kenntnisse hat, einen anderen, jüngeren, ungelernten Kameraden unterrichtet. Das ging natürlich nicht während der Arbeit oder solange das Licht brannte. Erst als die Lichter aus waren, schlich man sich in den Badraum, in dem immer Licht brannte und dort wurde dann das Wissen von Rechtgelehrten, Medizinern, Wirtschaftlern und Politikern weitergegeben. Aus den Reihen der Gefangenen sind heute viele der obersten Regierungsbeamten der ANC (führende Partei nach Ende der Apartheid) ernannt worden.
Dieses Motto des Lernens und Weitergebens von Wissen an andere gibt es noch heut und darauf baut das gesamte Bildungssystem auf. Darum kann es auch zu solchen Situationen kommen, dass ein Dozent, der selbst noch nicht den Master hat, den Bachelor unterrichtet oder dass ein Highschool Lehrer an der Hochschule Finanzierung unterrichtet. Das System ist nun mal erst ca.12-15 Jahre alt und das Wissen unter den Schwarzen muss erst generiert werden. Es gibt aber Quoten an den Lehr-Organisationen, dass angepasst zur Verteilung der Hautfarben der Nation auch Lehrer im Lehramt sein müssen. D.h. zurzeit aber, dass keine Weißen und Colored mehr zugelassen werden und man jede schwarze Lehrkraft nehmen muss, die sich bewirbt. Das bedeutet letztendlich, dass diese genommen werden können und müssen, bevor sie ausreichend tiefe Kenntnisse ihres Faches, geschweige denn Erfahrungen gesammelt haben. Aber das Niveau soll sich in den kommenden Jahren verbessern mit den jungen schwarzen Menschen, die nun die Chance haben, wie weiße gleichberechtigt am Bildungssystem teil zu nehmen.
Nach all den bedrückenden Geschichten, tat es gut, wieder nach draußen zu kommen und die Insel wieder zu verlassen. Zum darauf Leben wäre sie sicher sehr schön und friedlich. Aber irgendwie ist es schon gruselig dort.
Zum Mittag aßen wir an der Waterfront und entschieden dann, doch nicht das Aquarium zu besuchen sondern Mini-Golf spielen zu gehen, denn das Wetter war so schön.
Das konnten wir als Anfänger natürlich so gut wie gar nicht und mogelten uns mehr schlecht als recht von Loch zu Loch. Aber es war ganz witzig, denn gelegentlich machte ein Ball mal einen Abflug über die Kante ins Gebüsch oder sogar in einen Teich und erforderte Einiges an Geduld und Fingerspitzengefühl, um ihn da wieder raus zu manövrieren. So spielten wir noch bis die Sonne hinter dem Hügel verschwunden war und es kühler wurde.
Ein schneller Einkauf war noch zu erledigen und zu Hause ging es total müde und reichlich früh ins Bett.
Ab heut heißt es nun wieder: Ran an den Speck und Knüppeln!