2006/05/10 - Zustände!
Hallo Zusammen!
Diese Woche gibt es einiges an Neuigkeiten. Wir nutzen die Gelegenheit, um Euch gleich ein paar Storys zu erzählen.
Zunächst einmal sind wir umgezogen. Das hat mehrere Gründe. Wir sollten eigentlich von Anfang an nicht im Erdgeschoss untergebracht werden, da in den vergangenen 2 Jahren jeweils bei den Europäern eingebrochen wurde. Man hatte uns damals gesagt, es wären keine anderen Appartements mehr frei, die Gitter vor den Fenstern seien erneuert worden und neben uns wohne ein Assistent der Hauseltern, welcher mit ein Auge auf die Situation am Campus hätte und jederzeit mit Rat und Tat zur Seite stünde. Also beließen wir es dabei, nachdem wir noch mit Herr van der Heever, den Verantwortlichen für die Austauschstudenten aus Europa, gesprochen hatten. Er hatte uns nahe gelegt, nicht schon am Anfang schlafende Hunde zu wecken.
In den letzten Wochen hat sich aber viel ereignet, was uns darauf drängen ließ, doch die Wohnsituation zu verändern.
Wir hatten festgestellt, dass von dem kleinen Township nebenan, welches zum Stadtteil Belhar gehört, immer wieder Kinder über den Bahndamm klettern, den Elektrozaun untergraben, diesen mit Steinen oder Holz bewerfen, um ihn zu entladen und dann darunter hindurch zu kriechen. Zunächst versuchten wir diese Kinder zu vertreiben, indem wir mit der Campus-Security drohten. Doch diese Kinder verstehen kein Englisch. Sie schauten erst ungläubig und lachten uns dann nur noch aus.
Da die Sicherheitstüren der Häuser vom Personal (Putzfrauen, Gärtner, Hausmeister) des Öfteren offen stehen gelassen werden, schlüpfen auch die Kinder ein und aus und testen Fenster und Türen nach Sicherheitslücken.
Letzte Woche war es dann so weit. Die Kinder haben bei unseren Nachbarn, den Holländern, die Fenster ausgehebelt (das ist nicht schwer, einfach verriegelt, Alu-Rahmen, einfach verglast) und entwendet, was in Armweite zu erreichen war, unter anderem ein Handy. Warum wir sicher sind, dass es die Kinder waren? Wir haben sie gesehen. Zwei Abende später saßen wir im Fernsehraum und haben Schatten gesehen. Die Kinder krochen an der Hauswand entlang und schauten, in welchen Wohnungen potenziell niemand zu Hause ist.
Am nächsten Morgen erfuhren wir von weiteren aufgehebelten Fenstern, wobei allerdings nichts entwendet werden konnte, da man aus Erfahrung alles aus deren Reichweite entfern hatte.
Das Nächste ist, dass wir gelegentlich unterschiedlichste Mitarbeiter in unserer Küche stehen hatten. Zunächst der Kammerjäger, dann die Klempner, später erhielten wir Tische und Stühle in Abstand von 2-3 Wochen. Und zu guter Letzt kamen die Fensterputzer. Das hatte zwei Effekte. Diese putzten eine halbe Stunde an unseren Fenstern rum und bekamen mit, dass wir, die Weißen, in dieser Wohnung wohnten. Die Fenster sind nun so sauber, dass man durchgucken kann, was uns überhaupt nicht passte, denn jetzt könnte jeder von außen schauen, was denn bei uns so zu holen wäre. Dann haben sie Kaffeepausen, Mittagspausen und wieder Kaffeepausen gemacht und die Leiter unbeaufsichtigt an der Hauswand stehen lassen, so dass jeder Hampelmann am Haus rumkraxeln konnte. Das war uns auch nicht mehr so geheuer. Es wussten einfach mittlerweile zu viele Leute wo wir wohnen und dass wir möglicherweise leichte Beute wären, durch die Wohnsituation.
Die Security-Dienste sind auch nicht das, was man uns bei der Einführungsveranstaltung versprochen hat. Groß wurde die Geschichte zweier Mädchen erzählt, die auf dem Campus im vergangenen Jahr bedroht und beraubt worden waren. Man gab uns allen eine Notrufnummer, an die wir uns jederzeit und unbedingt wenden sollten bei Gefahr oder Auffälligkeiten. Nun gab es ja die Situation mit den Kindern am Zaun. Stefanie, eine der beiden anderen Studenten aus Bernburg, versuchte daraufhin die Sicherheitskräfte zu erreichen. Sie schilderte die Situation und bat sie, sich das anzusehen oder zu kontrollieren. Der nette Mann in der Leitung meinte nur, sie wären gerade nur zu zweit, es könne keiner weg. Wir sollen uns keine Sorgen machen. Wir könnten doch die Fenster schließen und seine hier 100% sicher. Steffi fühlte sich leicht vergackeiert und fragte, ob er denn von den Einbrüchen wüsste und wie er sich das vorstelle mit der angeblichen vollen Sicherheit. Zumal sie als Frau angerufen hat. … Furchtbar! Der Mann meinte nur noch: Ach Missie, ich kann ihnen da momentan nicht helfen. Bleiben sie ruhig und schließen sie die Fenster. Da passiert schon nichts.“ Lustig!
Jedenfalls war unser Marketing-Professor aus Bernburg, Dr. Eggert, da gewesen und hatte schon im Vorfeld mit dem Dekanat hier gesprochen. Ob diese denn nicht aus den Vorfällen der letzten Jahre gelernt hätten und dass die Situation nicht akzeptabel wäre. Das Dekanat gab grünes Licht für einen Umzug, wenn wir uns als Studenten darum bemühen würden.
Letzte Woche Mittwoch sind die Belgier aus dem 1. Stock wieder heim geflogen. Freitag haben wir die House-Moms gefragt, ob wir da einziehen dürfen. Diese war aber wie immer Off-Dutie (außer Dienst). Dienstag baten wir die Putzfrauen die Wohnung aufzuschließen und innerhalb von 3 Stunden sind wir ein Stockwerk höher gesiedelt.
Die Wohnung ist schön und wir fühlen uns nun sicherer. Wie sicher es bleibt kommt darauf an, wie das Hauspersonal arbeitet. Lassen die Putzfrauen die Türen auf? Hat der Security-Dienst die Überwachungskameras an? Werden wieder Kontroll-Runden am Zaun abgelaufen? Und so weiter.
Story No.2:
In den letzten Wochen haben sich einige Security-Leute den Spaß erlaubt, am Eingang des Campus Kontrollen durchzuführen. Sie kontrollierten Alles und Jeden: Autos, Rucksäcke, Taschen, … , selbst die Dozenten und Verwaltungsangestellten wurden nicht verschont. Das war reine Schikane. Und wie sieht es jetzt aus? Irgendwelche Kinder sitzen an den Eingangs-Schranken und bedienen diese. Von den Security- Mitarbeitern sieht man selten was. Wahrscheinlich sind die auch gerade bei der Kaffee-Pause.
Story No.3:
Vor 2 Wochen wurden wir von einem Kommilitonen eingeladen sich sein Township anzusehen. Ein Termin war für Samstagnachmittag gesetzt. Telefonnummern waren ausgetauscht. Jedenfalls verging der Nachmittag. Es verging der späte Nachmittag. Es brach der Abend an. Wir entschlossen uns ins Kino zu gehen und „The Insight Man“ zu schauen. Es kam keine Abmeldung, keine Entschuldigung, keine Klärung am Dienstag im Unterricht. Damit war eindeutig bewiesen, dass man hier nichts auf Verabredungen zu geben braucht. So eine ähnliche Situation hatten wir schon mal, als uns ein Mädchen zu sich zum afrikanischen Kochen eingeladen hat. Sie wollte uns am Abend abholen und tauchte nicht auf. Wir haben sie nie wieder gesehen. Dieses Mädchen kannten wir nur von einer Party, so dass wir dachten, sie hätte uns nur aus Freundlichkeit eingeladen. Aber dass unser Klassenkamerad, der uns jede Woche sieht und bisher auch immer recht nett zu uns war, uns einfach sitzen ließe, hat mich zwar nicht wirklich überrascht (Julius schon) aber es hat mich enttäuscht.
Story No.4:
Erinnert ihr euch an Herrn Collbert, unseren windigen Marketing-Finanzierung Professor? Der hat sich was geleistet. Wir haben vor 3 Wochen einen Test geschrieben. Da hat er schon mal Fehler in der Aufgabenstellung gehabt, auf die wir ihr hinweisen mussten. Eine Woche später kamen die Ergebnisse und bis auf uns Deutsche sind alle anderen Studenten durchgefallen. Selbst wir waren nicht gut. Und wer Julius kennt, der weiß, dass er in rechnungs-basierten Klausuren immer zwischen 85-100% erreicht. Jedenfalls hat Julius festgestellt, dass die Punkte falsch berechnet wurden. Es waren nur 70 gestellt, aber als Basis der Ergebnisse auf 80 gerechnet. So konnte man niemals 100% erreichen und alle Studenten waren 12,5% schlechter bewertet, als es eigentlich der Fall gewesen wäre. Für mich bedeutete das, dass ich keine 63% erreicht hatte sondern 71%. Und dann hat er sich noch ständig verzählt. So dass mir irgendwo noch 2 Punkte zugestanden hätten werden müssen. Und so ein Misst bei allen Studenten durch die Bank! Jedenfalls baten wir ihn um Berichtigung und neuerliche Einsicht der dann korrigierten Ergebnisse.
Eine Woche später kam er ohne die Klausuren. Zunächst mit der Aussage, alle hätten jetzt bessere Noten. Aber wie viel besser? Viele hatten noch nicht mal die Punkte nachgezählt! Wir wollten die Ergebnisse sehen! Dann wollte er uns was erzählen von, er hätte die Klausuren zur Zweitkorrektur gegeben. Wer sie unbedingt sehen wollen würde, könne das die Woche darauf. Letzte Woche kam er dann, natürlich ohne Klausuren. Die Begründung war, sie wären an eine dritte Stelle gegangen und er hätte keinen Zugriff mehr darauf.
Dann hatte er heimlich für die Schwarzen eine Extra-Stunde am Samstag gehalten. Offiziell war es eine Frage-Antwort Stunde um Probleme zu klären - sie sei jedenfalls nicht klausurrelevant gewesen. Aber wir hatten eine Übung aufbekommen, die einzureichen gewesen war. Bisher wussten wir nur, von der Rechnung, die dafür zu erledigen war. Doch mit den Anderen hat er die Interpretation durchgesprochen und diese auch als Übungsinhalt abverlangt. Wir hatten davon nichts gewusst und konnten damit von Vornherein nur eine unvollständige Arbeit einreichen. Ich wusste er würde uns reinlegen. Seit dem Tag, an dem Julius und er sich 1,5h darüber gestritten hatten, wie eine der Übungsaufgaben richtig gelöst würde. Er war definitiv falsch. Julius hat ihm den Beweis geführt. Aber er hat bis heut nicht eingelenkt. Jetzt warten wir auf das Ergebnis der eingereichten Übung und werden wieder mit ihm diskutieren müssen.
Dadurch, dass er immer falsche Dinge erzählt und wir ihn immer berichtigen, sind die anderen Studenten nun völlig verwirrt. Sie haben sich letzte Woche geweigert, einen Test zu schreiben. Keiner hätte auch nur ein Wort geschrieben, wenn er sie ausgegeben hätte. Sie erklärten ihm auch, warum, weil nämlich niemand seinen Erklärungen folgen konnte und da keine Vorkenntnisse bestünden, könne auch niemand die richtigen Fragen stellen, um Erkenntnis zu erlangen.
Daraufhin packte der gute Mann seine Sachen und wollte den Kurs verlassen. Die Klasse hielt ihn zurück, bot diverse Lösungen des Problems an, weitere Stunden, Wiederholungen, Übungen, usw. Doch er schrieb 3 Bücher zur Lektüre auf und setzte den Termin für die Klausur auf kommende Woche an. Die Studenten haben aber keine Zeit zum Bücher Wälzen. Sie arbeiten verdammt noch mal 40h die Woche. Sie bekommen die Vorbereitungen für die anderen Fächer gerade so zusammen, mehr Schlecht als Recht. Und der Stoff ist nicht so schwer, dass man ihn nicht in 2-3 Vorlesungen vermitteln könnte. Doch der Mann hat einfach keinen Plan! Er setzte an und wollte den Inhalt der vergangenen Vorlesung noch mal wiederholen. Dabei stand er 5 Minuten mit der Kreide in der Hand, Rücken zu uns, vor der leeren Tafel. Danach ließ er die Hand sinken, packte abermals seine sieben Sachen zusammen und verließ schweigend den Klassenraum. Er ging zum Chef vom Marketing-Bereich (Herrn Huckle), kam aber wieder. Er kritzelte irgendwas auf irgendeinen Zettel und ging nun ganz.
Er hatte etwas gesagt von, er gehe unverzüglich zu Huckle. Dann etwas von; er unterrichte diese Klasse nicht länger. Nun wissen wir nicht, ob der Kurs gestrichen wird, ob er wieder kommt - was niemandem irgendwas helfen würde, oder ob und wann jemand Neues kommt. Schlecht, denn wir alle brauchen die Kurse für den Abschluss und das nicht im nächsten Jahr!
Falko (Student No.4 aus BBG) hatte unseren Mitstudenten angeboten, Nachhilfe zu geben. Es war aber erstens klar, dass sie keine Zeit hätten, weitere Stunden an der Uni zu verbringen. Außerdem sind sie sehr stolz. Sie haben komisch reagiert, als er ihnen sagte, wir hätten das Fach 4 Jahre gehabt und könnten es ihnen auf jeden Fall erklären. Manche schwiegen, wenige gingen zaghaft darauf ein aber mit Bezug auf den Lehrer. Man könne ihn nicht umgehen. Und es müsse eine Lösung mit ihm geben. Oder sie könnten keine Extra-Zeiten dafür freischaufeln. Die heftigste Aussage war: Wenn wir das doch alles schon könnten, warum würden wir dann in diesem Kurs sitzen?
Nun scheint das zu geschehen, was ich befürchtet hatte. Die Deutschen werden ihnen vorgehalten. Die Deutschen versauen ihnen den Schnitt. Die Deutschen wissen alles besser. Die Deutschen bringen Verwirrung. Es baut sich anscheinend Abneigung gegen uns auf.
Der Faden zog sich Mittwoch fort. Wir wurden in Gruppen eingeteilt um eine Diskussionsrunde zu führen. Dabei wurde jeder Gruppe ein Deutscher zugeordnet. Nach einiger Zeit fragte ein Kommilitone aus meiner Gruppe mich, wie ich die Frage beantworten würde, aus “meiner deutschen Sicht” und mit Hilfe “meines intellektuellen Hintergrundes”. Das ist doch wohl eineindeutig. So sehen sie uns. Schon das Wort „Deutsch“ oder „Die Deutschen“ reizt sie mittlerweile und sie denken, wir halten uns für was Besseres. Na toll.
Ich bin jedenfalls nicht darauf angesprungen, habe kurzzeitig leicht die Augenbraue gehoben, mehr aus Erstaunen als aus Tadel, und dann meine Ideen eingebracht, wie alle anderen auch. Mal sehen, ob mir das Respekt-Punkte gebracht hat.
Nächte Woche diskutieren wir allerdings über die Rolle der Frau im Business. Sehr emotionales Thema. Dabei wird bestimmt wieder diese Deutsch-Afrikanische Sache auf den Tisch kommen und man wird mit den Augen rollen. Mal sehen, wie das weiter geht. Aber die Schonfrist für „die Neuen“ ist jetzt vorbei. So viel steht fest.
Weitere Geschichten folgen …